Der gute Kampf - Eine Geschichte von den Taipuisa

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Zwischen mannshohen Büschen von Sprenkelgras? saßen still und reglos zwei grüne Taipuisa und sahen vom Hügel herab in den Teil des Tals der Luvarna, den die ImisenAmpiaina” nannten. Dank ihrer schlanken Statur und den eher kleingewachsenen grünen Körpern waren der Mann und die Frau dort selbst im Vorbeigehen kaum zu erkennen, doch der nächste Imisén trieb seine Herde Wollbestien einen weiten Pfeilschuss entfernt durch die Landschaft und dachte nicht daran, sich dem “verfluchten Wald” weiter zu nähern, auch wenn er gern etwas von dem seltenen Holz gesammelt hätte.

Die Sonne bewegte sich ein Stück über den Himmel mit seinen rostroten Wölkchen und gab den beiden Taipuisa Wärme, Nahrung und Wohlbefinden. Schließlich deutete der Mann auf ein kleines Fellbündel, das ebenso reglos wie zuvor die beiden Taipuisa fünf Schritte entfernt von ihnen am Boden lag: “Wie geht es dir nun damit, Ampua?” Der Blick der zierlichen Frau blieb kurz an ihrem Pfeil hängen, der aus dem Fellbündel ragte, dann sah sie wieder in die Landschaft.
Eine kleine Weile verging, dann antwortete sie in dem melodischen Singsang des Taiji: “Das Trollhörnchen tut mir leid, aber wir brauchen, was es uns gibt: alles, vom Geweih über das Fell bis zu den Knochen und Sehnen. Ich habe mich nach dem Schuss bei ihm bedankt…” Die violette Blüte am Kopf der jungen Frau hatte sich geschlossen, wie sie es sonst nur bei Dunkelheit tat, was ihr Mentor Hänellä on silmät jokainen puu als Zeichen von Betrübnis deutete. Er bohrte daher nach, denn das Ensin Tappaa, die Erste Tötung, war ein wichtiger Moment in der Ausbildung einer neuen Lebenswächterin: “Aber?” Ampua wackelte nachdenklich mit der Nase. “Aber ich fühle seinen Schmerz nicht, wie ich es von Heittää mit seinen Fischen oder Odottaa mit ihren Fellnasen gehört habe, wenn sie Tiere verlieren. Es ist… nicht schlimm, weil es nun einmal notwendig war.” Sie blickte erschrocken auf: “Ist das falsch? Werde ich nun braun?” Ihr Mentor hob beruhigend die Hand, was fast so aussah, als hätte sich ein Blatt im Wind bewegt. “Nur die Ruhe, Ampua. Es ist in Ordnung so, und ein Grund, wieso wir entschieden haben, dass du eine Lebenswächterin werden sollst. Manchmal müssen wir, um unser Dorf zu schützen, … schwierige Entscheidungen treffen. In Schockstarre zu verfallen, weil man getötet hat, wäre in solchen Situationen gefährlich.”

Die zartgrüne Taipuisa sah wieder zu dem toten Trollhörnchen, neugieriger und länger diesmal. “On Silmät? Wenn ich Tiere töten kann, ohne dass es Sünde ist, und du von schwierigen Entscheidungen sprichst… nein, anders: Wenn Amalay uns lehrt, dass alles Leben heilig ist, und wir dennoch ab und zu Pflanzen essen, wenn die Sonne nicht genug scheint oder wir uns zu sehr angestrengt haben – und wenn wir dennoch Tiere töten, um die Reitechsen zu ernähren und um Dinge aus ihnen zu machen, die wir aus Pflanzen nicht machen können –, wieso dann all die Mühe, die Imisén und die anderen Puhujani nur zu erschrecken und zu verjagen? Sie leben so kurz, sie haben es bald wieder vergessen, dass sie hier nicht wandeln dürfen.” Ampua deutete auf das Fellbündel, unter dem langsam dick-rotes Blut hervor sickerte. “Dies hier wandelt nie wieder in unserem Wald.”

Der ältere Taipuisa schloss nachdenklich die Augen. Als er sie wieder öffnete, sprach er: “Wie Du weißt, Schössling, haben unsere Vorfahren einen langen und blutigen Krieg gegen die Unterirdischen und ihre Konstrukte geführt. Um ihn zu gewinnen, so heißt es, haben sie zahlreiche Lebewesen verändert und kontrolliert, damit diese für unsere Vorfahren kämpfen. So blieben die Hände der meisten Kaijukansa unbefleckt von Blut, doch es klebte dennoch an ihren Seelen. Wie Du ebenfalls weißt, bracht der Große Krieg auch unsere Ahnen an den Rand der Vernichtung - beinhahe wäre es uns ergangen wie dem Tiefen Volk und wir wären vom Antlitz von Harmakhis - so hießen die Pylae damals - verschwunden. Als Amalay die Kaijukansa in die Taipuisa verwandelte und ihnen ihr Licht nahm, das sie nicht mehr verdienten, und es zur Sonne machte, da sprach sie, dass wir uns vom Licht nähren sollten, das unseren Vorfahren einst innewohnte, anstatt von frei wandelnden Wesen. Dies sollte unser Beitrag sein, das spärlich gewordene Leben in den Pylae zu mehren, bis aus den kargen Schluchten vielleicht dereinst wieder eine blühende Welt würde, wie Harmakhis es einst gewesen war.” Der Lehrmeister blickte wieder in die Ferne. “Damals gab es außer uns nur die friedvollen und unter dem Wasser verborgen lebenden Cetosi, und die wilden Bestien und Schöpfungen der Kaijukansa und niemand hatte das Kommen der Imisén vorhergesehen.”

Während der Geschichte war Ampuas Blick wieder in die Landschaft geglitten, denn sie war schon immer lebhaft und ein wenig ungeduldig gewesen. “Ja, Meister, aber ich fragte nicht nach den Ahnen oder wieso wir - wenn überhaupt - nur Pflanzen verzehren, die sich nicht selbst durch die Pylae bewegen können. Ich wollte wissen, wo der Unterschied zwischen diesen Tieren und den sprechenden Völkern liegt, wenn es notwendig erscheint”, die Taipuisa rang sichtlich mit dem Ende des Satzes, “wenn es notwendig scheint, sie zu töten.” On Silmät nickte langsam. “Der Unterschied, kleiner Schößling, ist, dass Tiere immer ihrer Natur folgen, ihrem Instinkt. Sie sind immer im Einklang mit der Natur und mit sich selbst. Daher ist es manchmal notwendig, sie zu töten. Aber die sprechenden Völker, ob die ruhigen Cetosi, die wilden Arrodo oder diese unbegreiflichen Imisén, die sich diese Welt dort draußen gerade erobern, sie alle teilen mit uns die Fähigkeit, entgegen ihrer Natur zu handeln. Sie fällen mal mehr und mal weniger bewusst Entscheidungen, und das bedeutet, dass es für sie - so wie für uns - immer Hoffnung gibt. Die Hoffnung, dass sie ein Einsehen haben werden, dass sie aus ihren Fehlern und den Fehlern ihrer Ahnen lernen, und dass sie diese Welt besser behandeln werden als die Kaijukansa und die Xuktcha es einst taten.”

Der Lehrmeister seufzte. “Deshalb töten wir sie nicht, außer vielleicht, sie lassen uns keine Wahl - und in solchen Momenten zeigt sich, ob man die Geistesstärke hat, dieses Blutvergießen zu überstehen, ohne daran zugrunde zu gehen. Aber dir sollte auch klar sein, dass wir ein schwindendes Volk sind, Ampua. Es gibt nur noch so wenige von uns, dass jedes unserer Leben viel wertvoller ist als das Leben der jüngeren Völker, die so kurz leben und sich so schnell vermehren. Und um die meisten vor uns vor solchen Entscheidungen und schwierigen Momenten zu schützen, gibt es uns, die Lebenswächter. Im Zweifelsfall sprechen wir mit den Sterblichen und im Zweifelsfall kämpfen wir gegen sie.” Der ältere Taipuisa sah wieder über das Land. “Aber sorge dich nicht, Ampua. Wir haben so viele Möglichkeiten, nicht töten zu müssen. Wir lernen, sie mit Worten oder Magie zu überzeugen, sie zu verwirren, um sie von uns fernzuhalten. Wir können die Unbelehrbaren in Tiere oder Pflanzen verwandeln und ihnen ein Leben in Frieden zu schenken. Und so viel mehr… nein, Ampua, wenn wir töten müssen, dann ist etwas gehörig schiefgegangen und wir geraten in Gefahr, wegen unserer Tat zu vergilben, denn dann haben wir Amalay und uns selbst zutiefst enttäuscht.”

Ampua nickte bedächtig. “Danke, Meister. Darf ich noch eine Frage stellen?” On Silmät nickte bedächtig. “Eine noch, junge Lebenswächterin, aber dann sollten wir zügig heimkehren und dieses Tier verarbeiten.” Ampua sah zu dem blutbefleckten Fellbündel hinüber und ihr Laub schüttelte sich mit leisem Rascheln. “Nun gut. Was ist, wenn eine von uns sich so gegen ihr Volk wendet, dass wir dies nicht dulden können?” Der alte Meister hob fragend eine moosige Augenbraue. “Welch ungewöhnliche Frage! Dies ist in unserem Dorf noch nie passiert, denn das Leben in Harmonie gehört zu unserer Lebensweise. Aber vielleicht ist sie auch Ausdruck von Scharfsinn, denn ich hörte tatsächlich davon, dass es manchmal auch in unserem Volk Konflikte gibt, die nicht lösbar scheinen. Gegensätzliche Meinungen. Eine Verirrung der Seele, die nicht im Jugendalter von unseren Mentalisten entdeckt und beseitigt wurde. In solchen Fällen entscheidet der Einzelne - oder notfalls seine Dorfgemeinschaft für ihn - dass er nicht mehr im Einklang mit seinem Dorf singen kann, und er muss gehen. Vielleicht findet er oder sie dort draußen”, On Silmät deutete den Canyon entlang, “ein Dorf, das in der gleichen Weise denkt. Vielleicht findet er keine Heimat oder er beschließt, bei den anderen Völkern zu leben und ihren Wegen zu folgen. Aber so weit ich weiß, liegt darin der langsame Tod des Vergilbens.” Der Meister bedeckte betrübt die Augen. “Manchmal lässt sich so jemand mit Geistmagie noch von seinem Irrweg heilen, wenn er um Hilfe bittet. Wenn das nicht geht, und es zu gefährlich scheint, diesen Taipuisa in der Welt frei wandeln zu lassen, verwandeln wir ihn in einen Geistbaum, und vielleicht reinigt sein Dasein als Baum seinen Geist… oder er stirbt, wenn der Baum nach wenigen Hundert Jahren vergeht. Dies sind traurige Momente für unser Volk, und ich hoffe, dass wir solche Lieder in unserem Dorf nie singen müssen.” On Silmät stand auf.

“Nun komm, Ampua. Es wird Zeit zu gehen. Überlass das Töten denen, deren Natur es entspricht. Unserer ist der Weg des Lebens.” Ampua nahm ihre Beute vorsichtig auf, und sie gingen, beinahe unhörbar, nach Hohtavametsa zurück.

Zuletzt geändert am 01.06.2020 16:03 Uhr